Dienstag, 29. September 2009

Der vergessene Muckel

Gestern hat mein Herz geblutet und eines meiner Mütter-Albtraum-Szenarien ist zu bitterer Realität mutiert:

Die Eltern vom Seelenbruder und wir sind direkte Nachbarn und so bietet es sich also an, sich mit dem Hinbringen und Abholen zur und von der Schule abzuwechseln. Wir wechseln im Wochentakt und bisher lief das auch wie am Schnürchen.

Bis gestern.

Gestern war eh ein ganz doofer Tag, der schon ganz doof begann und dabei eigentlich ganz schön werden sollte, weil der Muckel doch das erste Mal zur ganz neuen Judo-AG gehen wollte. Die Turnhalle wo die AG stattfindet, ist aber ein Stück von der Schule entfernt und die AG endet auch schon eine halbe Stunde früher als die reguläre Nachmittagsbetreuung- die Kinder sollen aber von der Halle abgeholt werden und werden nicht wieder zurück in die Betreuungsräume begleitet. Aha. Das Abholen konnte im Vorfeld also schon als problematisch eingestuft werden, vor allem ohne Auto und mit Zeitdruck.

So haben wir (die diese Woche den Bring- und Abholdienst inne haben) uns entschlossen, dass der Mann die Kinder morgens mit dem Auto zur Schule bringt, dieses dann an der Bahnhaltestelle abstellt und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fährt. Ich sollte nach der Redaktionssitzung pünktlich aus dem Zug und in das Auto umsteigen und die Kinder wohlbehalten von der Turnhalle einsammeln. So war der Plan und soweit war er auch gut, wenn auch zugegebenermaßen leicht kompliziert.

Bis der göttliche (*ironie*) Mann, nachdem er unser Haus verlassen hatte um das andere Kind einzusammeln, auf die glorreiche (*ironie*) Idee gekommen ist, doch ganz spontan den Vater des anderen Kindes zu bitten, die Kinder ganz entspannt und ohne Umsteigen in Busse und Bahnen, auf dem Weg zur Arbeit zur Schule zu fahren. Unter Nachbarn und Freunden hilft man sich ja gerne mal aus und so geschah´s.

Weil die Herren ja gerade so gut am Pläneschmieden waren, haben sie sich- praktisch veranlagt wie sie eben sind (*ironie*)- auch noch darauf verständigt, dass der Opa (!) des anderen Kindes, beide (!) Kinder nachmittags von der Turnhalle abholen würde, da er den Jungen ohnehin bis in den Abend betreuen müsse und deswegen ja sowieso schon mit dem Auto unterwegs ist. So war der Plan und soweit haben wir uns bei der Obhut unseres Kindes noch nie auf wirklich fremde Menschen verlassen. Mir wurde der ganze Plan erst vormittags mitgeteilt, als ich schon keine Möglichkeit des Einspruchs mehr hatte.

Die Realität sah dann folgendermaßen aus: der Mann ist ganz entspannt zur Arbeit gefahren, die Kinder wurden ganz entspannt zur Schule kutschiert, der Nachbar ist ganz entspannt davon ausgegangen, dass der Opa geschnallt hätte, dass er zwei (!) Kinder von der Turnhalle abholen sollte.

Hätte. Hat er aber nicht. Anscheinend.

Als ich um 16:30 Uhr wirklich das Wundern über den Verbleib meines Kindes begonnen habe und bei Mr. Ninivee einen Nachforschungsantrag eigereicht habe, wurde ich mit einem müden milden Lächeln bedacht als er sein Telefon zückte, um besagten Nachbarn anzurufen. "Alles ok." sagte er mir danach mit einem Schultertätscheln, dass die überbesorgte, zur Hysterie neigende Mutter besänftigen sollte. Ein leichter Vorwurf ob des Misstrauen, dass ich anderen gegenüber hege, schwang in seiner Stimme mit, als er sagte, dass ich mir nicht immer so schnell Sorgen machen sollte, "der Opa würde das schon hinkriegen". "Ok", dachte ich mir, "er hat ja recht".

Haha.

Nicht eine Minute später klingelt das Mobiltelefon des selbstsicheren Herren und ich sehe den Namen des Nachbarn auf dem Display aufblitzen. Ich nehme ab und rechne mit einer erneuten Betätigung darüber, dass der Opa das schon hingekriegt hat. Ein verlegenes Räuspern am anderen Ende der Leitung lässt mich dagegen böses ahnen und wie eine kalte Kralle legt sich plötzlich die Angst um meine Brust. "Äh, der Opa hat das irgendwie falsch verstanden. Der hat den Schlüssel vergessen (WAS INTERESSIERT MICH DER SCHLÜSSEL - KOMM ZUM PUNKT!) und hat dann nur den F. abgeholt und jetzt fahren die nochmal nach Hause um den Schlüssel (MICH INTERESSIERT DEIN SCH**ß SCHLÜSSEL NICHT- WO IST MEIN KIND?) zu holen und, äh, der J. müsste dann wohl noch an der Turnhalle sein." "Das ist jetzt nicht dein Ernst?!?!" brülle ich in sein Ohr, während die Angst sich wellenartig in meinem Körper und meinem Kopf ausbreitet. Doch. War es.

Der Opa hat das falsch verstanden. Oder der Nachbar hat es falsch gesagt. Oder was auch immer. Aber mein armes Kind wurde tatsächlich an der verdammten Turnhalle zurückgelassen. Alleine. Er durfte nicht in der Halle warten, sondern saß draußen auf der Treppe und hat bang auf uns gewartet.

Die 10 Minuten, die es gedauert hat bis ich Entwarnung hatte, kamen mir vor wie Stunden.

Ich fühle mich mies. Mies, weil ich mich nicht durchgesetzt habe. Mies, weil ich diesem unbedarften Mann, der hier noch wohnt, anscheinend immer noch nicht klar gemacht habe, was man einem 6 jährigen zutrauen kann (und muss!) und was nicht. Das Kind wusste noch nicht einmal, dass es mit dem Opa fahren sollte. Es ist davon ausgegangen, dass ich es hole, so wie es eben vereinbart war. Deswegen hat es auch nichts gesagt, als der Opa mit dem anderen Kind weggefahren ist.

Nie, nie, nie wieder.

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